Gedanken des Pfarrers aus seiner Predigt an Fronleichnam

Vor 4 Wochen dachten wir an das Ende des 2. Weltkriegs (8. Mai 1945) und an das Ende des NS-Terrors vor genau 75 Jahren. Ich habe deshalb unsere Wolfgangsmonstranz auf den Altar stellen lassen. Erst vor 4 Jahren haben wir sie neu im Feuer vergolden lassen, sie ist fast 7 kg schwer, darauf reicher Schmuck mit Seraphim, dem hl. Wolfgang und flehendem Volk.
Es ist eine außergewöhnliche, eine ganz besondere Monstranz! Sie wurde nicht gefertigt in der üppigen Barockzeit, auch nicht angeschafft während des Wirtschaftswunders der letzten Jahre. Sie hat vielmehr eine äußerst dramatische Geschichte.
Es ist die einzige Monstranz in der Diözese, die in dieser ärmsten Zeit bei der Goldschmiede Brandner in Auftrag gegeben worden ist. Der Bestellschein wird im Pfarrarchiv aufbewahrt.
Stellen Sie sich vor: Nach dem Krieg war Kumpfmühl eine Ruinenlandschaft. Die Not war unbeschreiblich. Soldaten kamen aus dem Krieg nicht mehr zurück, vermisst, verschollen. Die Wolfgangskirche hatte keine Glasfenser mehr, der Druck der Fliegerbombe hatte sie hinausgesprengt, die Niederkirche war ohne Dach.
Für die Erstkommunionkinder gab es keine Kerzen, es gab auch keine Schuhe. In diesen Jahren der schlimmsten Armut, am Nullpunkt unserer Geschichte, haben unsere Vorfahren diese goldene Monstranz und den kostbaren Wolfgangskelch gestiftet, bezahlt mit einem Strom von Tränen und mit dem letzten Hab und Gut, das der Krieg noch übrig ließ.
Es sind nachweislich die einzigen Goldschmiedearbeiten in der Diözese aus jener Zeit, darum einmalig von ihrem inneren Wert her. Warum? Weil man damals wusste: Wenn schon alles, Kirche, Häuser, Familien, Schicksale, Menschenleben zerstört sind: Wir brauchen eine Mitte! Jesus Christus! Eine Gesinnung, die heute längst nicht mehr vorherrscht. Heute würde man stattdessen sagen: Man muss doch zuerst die Häuser wieder aufbauen, die Familien brauchen ein Dach über dem Kopf, man muss Straßen und Leitungen reparieren, die Infrastruktur wieder herstellen.
Da kann man doch nicht auch noch für eine Monstranz spenden! So erinnern uns Monstranz und Wolfgangskelch in fast beschämender Weise an das einzige Notwendige im Leben, damit uns das Gespür, auch jetzt in der Corona-Zeit, nicht verloren geht.